Schulung vom 20. Mai 2026
Scope 3 Emissionen und Lebenszyklusanalysen verstehen und einordnen
Vortrag von Martin Lehmann, Senior Expert Sustainability Consulting und Noël Heinz, Sustainability Consulting, beide myclimate
Um Treibhausgas-Emissionen zu reduzieren ist es wichtig zu verstehen, wo diese in welchem Umfang anfallen. Mit diesem Wissen können wir den Hebel gezielt am richtigen Ort ansetzen. Die Basis dazu bietet eine Ökobilanz oder Lebenszyklusanalyse (oft auf Englisch abgekürzt als LCA, life cycle assessment).
Die Regeln, wie so eine Lebenszyklus-Analyse auszusehen hat und was darin erfasst werden muss, stehen in den ISO-Normen 14040, 14044 und 14067.

Phasen der Ökobilanz
Unter einer Ökobilanz versteht man eine Methode zur Abschätzung der mit einem Produkt verbundenen Umweltauswirkung von der Wiege bis zur Bahre (cradle-to-grave), also inklusive der Beschaffung der Ressourcen für die Produktion und der Entsorgung am Lebensende des Produktes.

Phase 1 – Zieldefinition und Untersuchungsrahmen: Es gilt die Systemgrenzen abzustecken und zu definieren, was untersucht wird und auf welcher Basis, also mit welcher Einheit wird was gemessen. Sonst ist ein Vergleich mit anderen Produkten nicht möglich. Im Idealfall werden die Auswirkungen von der Rohstoffgewinnung bis zum Lebensende des fertigen Produktes festgehalten, es kann aber auch mal nur bis zum fertigen Produkt angeschaut werden (dies wird dann als cradle-to-gate bezeichnet).
Ein einfaches Beispiel für die Vergleichbarkeit zeigt sich beim Transport, es muss vorgängig definiert werden, ob nur das Fahren angeschaut wird, auch die Herstellung der Fahrzeuge mitgerechnet wird, oder sogar die Strasseninfrastruktur mitberücksichtigt wird.
Phase 2 – Sachbilanz: Es wird ein Inventar erstellt über alle Materialflüssen. Welche Rohstoffe werden verwendet, welche Halbfabrikate, wie werden sie transportiert, woher kommen sie, wieviel Energie wurde für die Zwischenprodukte aufgewendet. Für die Vergleichbarkeit ist auch hier zu beachten, dass bei allen Materialien mit dem gleichen Ansatz gearbeitet wird. Die vollständige und genaue Datenerfassung ist entscheidend.
Phase 3 – Wirkungsabschätzung: Hier wird eine Abschätzung gemacht, welche Auswirkung mein Produkt auf die Umwelt hat, dies ist eine Berechnung und keine exakte Messung. Bei den verschiedenen Wirkungskategorien wird mit verschiedenen Messgrössen gearbeitet, z.B. Klimaveränderung, Giftigkeit, Versauerung von Böden, Art und Verbrauch von Energie oder das Ozonloch. Für die Vergleichbarkeit der Gesamtumweltbelastung braucht es eine einheitliche Darstellung aller Wirkungskategorien. In der Schweiz wird dies mit Umweltbelastungspunkten gemessen, in der EU mit dem Environmental Footprint.
Phase 4 – Auswertung: In einem Bericht werden die Resultate eingeordnet und Massnahmen vorgeschlagen. Durch die Identifizierung von Hot Spots zeigt sich, wo sich eine Reduktion am meisten lohnt.
Der Product Carbon Footprint (PCF) basiert auf der LCA-Methodik, die Berechnung ist fokussiert auf CO2-Äquivalente, d.h. die Klimaauswirkungen anderer Gase wie Methan oder Lachgas werden basierend auf ihrem Erwärmungspotential auf CO2 umgerechnet. Der Corporate Carbon Footprint beinhaltet auch Emissionen des Unternehmens, die nicht direkt am Produkt hängen.
Scope Modell

Auch für die einfachere Vergleichbarkeit und die Verständlichkeit der Daten wurde das Scope Modell eingeführt und die Emissionen der CO2-Äquivalente in drei Scopes aufgeteilt. Dieses Modell wird im Standard Greenhouse Gas Protocol festgehalten.
Im Scope 1 werden die direkten Emissionen erfasst, die vom Unternehmen ausgestossen werden. Das kann die Verbrennung von Gas für das Heizen des Schmelzofens sein oder …
Scope 2 beinhaltet die indirekten Emissionen, die ein Unternehmen nicht selber ausstösst, aber in Form von Strom oder Wärme einkauft für den Eigengebrauch.
Die Scope-3-Emissionen stammen von vorgelagerten und nachgelagerten Tätigkeiten, dies ist bei den meisten MEM-Betrieben der weitaus grösste Bereich. Dieser ist auch nochmals aufgeteilt in 15 Unterkategorien, 8 für die vorgelagerten und 7 für die nachgelagerten Emissionen. Typische Hot Spots in der MEM-Industrie sind: Bezogene Waren und Dienstleistungen, Transport und Distribution (vor- und nachgelagert), Abfallbehandlung der verkauften Produkte und auch die Nutzung der Produkte.
Auch wenn der Scope 3 Bereich am grössten ist, dürfen die anderen beiden Scopes nicht vernachlässigt werden. Bei Scope 1 und 2 kann das Unternehmen am direktesten Einfluss nehmen und Veränderungen vorantreiben, deshalb muss auch hier hingeschaut werden.
Massnahmen ableiten
Mit Hilfe der Ökobilanz weiss ich, wo die Emissionen entstehen und mit welchen Massnahmen ich am meisten Reduktion erreichen kann. Sie hilft Verbesserungen zu identifizieren und Schwachstellen zu erkennen.

So kann zum Beispiel mit einem Eco-Design, das auf Verbundmaterialien verzichtet, das spätere Recycling des Produktes ermöglicht werden.
Oder beim Einkauf der Materialien kann die Herkunft stärker gewichtet und so die Emissionen vom Transport reduziert werden.
Das Unternehmen kann auch das Pendeln mit dem ÖV unterstützen, Ladestationen für E-Autos zur Verfügung stellen und das fleischlose Angebot in der Kantine ausbauen.